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Timo Kölling
GEBETE AUS STEIN
Gedichte (2007), unveröffentlicht.

›His soul had approached that region
where dwell the vast hosts of the dead.‹
- James Joyce, The Dead



INHALT

Gedichte, deren Titel fett markiert wurden, sind weiter unten auf dieser Seite als Leseprobe zu finden.

GEBET

I
DER WEG
DIE TOTEN
TRAUM (SEIN REICH)
›JAHRHUNDERT-DICHTER‹
RUF
HERBST
DIE ZEITLICHEN
DER IRRSINNIGE
UMKEHR
FLUCHT
DER TRÖSTLICHE WEG
WEND

II
NÄHE
IM SIED
TAGS DA WIR STRANDEN
DER GENESENDE
GESETZ
EINSICHT
WEISSUNG
DEZEMBER
DIE FRAGE, DIE PFORTE
DER NAME
LEBEN
DER MORGEN

III
NOCH HALB IN AHSVER-WOLKEN I-II
FRÜH I-II
DER EINSIEDLER
DIE TOTEN II
EIN BLATT MIT BAUM FÜR BERTOLT BRECHT UND PAUL CELAN
NOCH EINMAL FÜR BERTOLT BRECHT UND PAUL CELAN
DAS SPIEL
DIE TAUSENDJÄHRIGE ROSE
GEDÄCHTNIS
DER STERN
ALLEGORIE I-III





GEBET
Bliebest du aus,
liessest uns,
gelänge vielleicht
unser Spiel.


I.1: DER WEG
Innenmögliches Räumen
gerne gelebter
Stunden:

Bild einer Weltzeit; Versuch
eines Winters; Verfolg
flüchtig ausgetretener Spuren, nicht
begriffene Zeichen.

Mehr
als stierendes Wissen sei Angst: das Tor
morgender Schatten. Kein Lied
reiche vorerst zu uns hinan.

Weisse Begegnungen fluten,
was sie erbaut; es löschen
zauberhaft die apollinischen Träume
uns aus; uns liessen
bereits die Namen. Flocken
decken schreckliches Gesend.

Böse
lachen die kargen Weltminuten uns aus, da wir
einander kannten und doch
Gemeinsamkeit logen. Kein Jetzt
ersetzt mehr den fallenden Schnee, kein
Einst mehr wartet auf unser Gebet aus Stein.


I.2: DIE TOTEN
Uns zur Feier
mitzutun im ›Alles wie immer‹:
die Tänze, die Lieder,
die Küsse, die Gaben, Umarmungen, das
Lachen, die Träume, die Winde, die
verhaltenen Klagen, die Reden,
die Bücher, Schwüre, die Blicke, die wissenden
Züge um Münder, der Raum der wartenden
Morgende: alles
rüstet sich zur
ewigen Wiederkehr, - nicht
aber der Schnee.

Du mehrst mit jedem
Wort die Lüge, mit jedem
Schweigen die Schuld.

Offen, wie lange schon?, sind
unsere Häuser. Waren
in ihnen schon immer, wie jetzt, die atmenden
Fernen, die Nebel, die hehlenden
Sterne, Strassen, auf Gräbern die Lichter, die
Stimmen der Toten?


I.3: TRAUM (SEIN REICH)
wir tauschen einfach so die Worte nachttag tagnacht
wir gleiten über eisige Flächen wir glänzen einander
weiter westwärts können wir nicht schon droht die Stille
vor uns das Meer die Tiefe der grosse Steinpalast

der will den Krieg der onaniert der ist bei Gott
wir sind das Küstengrau wir sind zuhause weiter
westwärts können wir nicht wir werden gehetzt es ist
schon Frieden der Besiegte hat gesiegt er IST

er lässt uns einfach so die Worte tauschen tagtag
er lässt uns über eisige Flächen gleiten einander
glänzen weiter können wir nicht wir können nicht schweigen
er träumt in uns sein Reich den grossen Steinpalast.


I.10: FLUCHT
Lauf so schnell du kannst! Flieh
deinen Stern: er fasste dich nicht; sein Licht
deckte kaum dein Herz; es liegen
vor dir weit die silbernen Wege.

Lass dich selbst allein. Dein Äusserstes
decke nicht der leere Traum. Es löschte
längst das Spiel der weissen Spiegel
uranisch den Ingrund.

Da der Schnee, jetzt, quer zu den Stunden
fällt, schwer und leicht in den Tag, den niemand
misst: besteige den Thespis-Wagen, nimm,
da chôra, jetzt, wacht, die eiserne Maske.

Lauf so schnell du kannst! Flieh
deinen Stern: du wirst nicht länger lügen.
Es liegen hinter dir die silbernen Wege, eng.
Jerusalem ist schön. Nimm die Maske ab!


I.11: DER TRÖSTLICHE WEG. Ad Agesilaus
›Wie ein Gast zur Nacht‹ wachen wir an
den mit Namen bestreuten Gräbern.
In Augen, fern,
leuchtet der Glanz von
ungesprochenen
Worten.

Der Ort, ortlos, Wort-
stelle: nichts
verwandelt sich mehr, wir sind der
Einbruch der dunklen Wasser.

Pentheus sieht zwei Sonnen jetzt. Wir aber
retten die Nacht, kein
Morgen werfe Licht auf unsere Flucht, kein
Bild verstelle den leeren Platz, erzähle die Wüste.

›Wie ein Gast zur Nacht‹ wachen wir an
den mit Namen bestreuten Gräbern. Schnee
liebt zu verschweigen; wie sprechen
lang wie Zeit die Sprache des Winters.

Wir sind der Innenraum des Blitzes; wir
sind der Einbruch der dunklen Wasser; Wort-
stelle: kein Ziel
störe uns auf. In
unseren Augen leuchte
aber der lang entbehrte Vorschein; wir wachen
an den mit Namen bestreuten Gräbern, wir gehen
unbenannt im Unbenannten durch
die verschwundenen Tage den tröstlichen Weg.


II.4: DER GENESENDE
Den Jahrtausendchor, die gedichtete
Punktstimme: brich
den lastenden Hall, den
glänzenden Schmerz, den
Wald der Augen.

Exodus schwarz
nach aussen: kein
Wille mehr nimmt von Höhen
blaue Schleier, lässt
zurück die Farbe unserer Wahrung -

Rost. Du aber suchst
nicht mehr in den Blicken nach den Zeichen
deiner Wunden. Etwas - du
nennst es nicht - ging
zu tief. Jetzt sind
erblindet die
äonenalten pharaonischen
Spiegel.


II.7: WEISSUNG
Wir kehren noch die fremdge-
wordenen Zeichen. Du
flichst schon in
den Tag die
vergessenden Fäden, trägst
weissen Raum in
jede Nähe.


II.8: DEZEMBER
Schenke, entziehe die Huld,
wese an, bleibe aus;
berühre von innen
endlich das Herz.

Ewigkeit liebt
fast zu sehr das Gewende der Zeit:
vor dem Aufschein des
versprochenen Glanzes ändert
schnell der klaffende Blitz unsere Wege.

Ein Riss, nicht mehr zu heilen, geht
durch die Welt. Dezember
öffnet das Jahr, den Traum, das Grab, das wir sind.

Jetzt lichtern im Unheimlichen wir, ehren
den Send. Unsere Stätten liegen in grosser
Schönheit befestigt im tiefen Gerüst; der süsse
Amra-Tropfen hüllt die Wüste.

Schenke, entziehe die Huld,
wese an, bleibe aus;
der Himmel, die Erde und wissende Augen
warten, innen, auf unsere Ankunft.


III.4: DIE TOTEN II
Nicht wahr? sie mauern
die Toten mauern
mit Licht und Luft
mit Lachen und Leichtmut
mit Klängen, die rühren,
Kerkerwände
ganz aus Offenem
undurchdringlich
die Steinernen mauern
undurchdringlich
und voller Bedeutung
den Schein des Tages
lästernd
ägyptische Nacht
voller Schönheit
Gespenster-Schönheit
wurmstichig
lügnerisch
den Schein des Tages
den Schein des Scheins
scheinlos
rettungslos
namenlos, also
wie nicht
wie nicht

Hörst du? Es ist nichts. Auch wir
sind steinern, wohnen in den Mauern des Schlafs
schlafen den Schlaf
den erwachenden, das
Gebet aus Stein. Auch wir sind tot. Schon lange.

Wir sind die Toten. Hörst du? Wir sind unter Toten
die Toten. Wir, die Toten, begraben die Toten.
Schweigsam. Wir sind die verschwiegene Nähe. Wir sind der
ummauerte Name, lange schon schweigend, ummauert.
Wir sind der ummauerte Name, ummauert vom Namen.

Hörst du? Es ist nichts. Auch wir sind tot.
Wir, die Toten, schweigen den Toten.
Wir beten fort, den Toten tot, ummauert von Schlaf -
Der Name ist die Mauer!
Der Name ist die Mauer!

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