Wilhelm Schmidt-Biggemann - Apokalypse und Philologie
Helmuth Kiesel - Ernst Jünger. Die Biographie (in Kürze hier)
Heimo Schwilk - Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben (in Kürze hier)
Hans Blumenberg - Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger (in Kürze hier)
Béla
Hamvas: Die Melancholie der Spätwerke. Aus dem Ungarischen von
Akos Doma. Matthes & Seitz: Berlin 2008, 64 Seiten, ISBN
978-3-88221-719-3, Preis: € 10,00.
Béla
Hamvas ist der Verfasser einer sechsbändigen »Scientia
Sacra«, die derzeit ins Deutsche übertragen wird. Bisher
liegen aus dem umfangreichen Oevre des ungarischen Autors nur wenige
Arbeiten in deutscher Sprache vor: eine kleine »Philosophie des
Weins«, ein schmales Buch namens »Silentium«, sowie
eine umfangreichere Essaysammlung, ausgewählt von László
F. Földényi, übertragen von Akos Doma, mit dem Titel
»Kierkegaard in Sizilien«. Sie erschien im Jahr 2006 bei
Matthes & Seitz. Zwei Texte dieser Sammlung heißen »Die
Melancholie der Spätwerke« und »Anatomie der
Melancholie«. Der Verlag hat sie jetzt in der Reihe »Fröhliche
Wissenschaft« zu einem schmalen Sonderdruck von 64 Seiten
zusammengefaßt.
Der
1897 geborene Béla Hamvas lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1968
in seinem Heimatland Ungarn, wo er heute zu den meistgelesenen
Autoren gezählt wird. Im ersten Weltkrieg - er hatte sich 1915
freiwillig zum Militärdienst gemeldet - wurde er zweimal
verwundet und erlitt schließlich einen Nervenzusammenbruch.
Später arbeitete er in Budapest als Journalist und Bibliothekar.
Der Text »Anatomie der Melancholie« beschäftigt sich
mit dem gleichnamigen Buch von Robert Burton aus dem siebzehnten
Jahrhundert. Auch Burton war, wie Hamvas gleich zu Anfang des
Aufsatzes anmerkt, Bibliothekar. Es gebe nur zwei große Werke
von Bibliothekaren in der Weltliteratur: eben das Buch von Burton,
und Laotses Tao te king. Dabei habe niemand ein so intimes Verhältnis
zum Buch und zum Buchstaben wie der Bibliothekar. »Für
einen Wissenschaftler«, schreibt Hamvas, »ist das Buch
nur Materie: er sieht es an, liest es, zitiert es und legt es zur
Seite; für einen Dichter ist das Buch nur ein Werk: er schafft
es und vergisst es; für einen Lehrer ist es nur ein Instrument:
er schöpft daraus und gibt es weiter; für einen
gewöhnlichen Menschen ist es nur ein Industrieartikel: er liest
es und genießt es. Niemand fasst ein Buch so an wie ein
Bibliothekar, so leise und langsam, wie man nur die ewigen Dinge
anfasst: das Meer, die Frau und die Erde. Keiner weiß, was es
bedeutet, sich zu einem guten Autor zu setzen, ihn nach Belieben
aufzuschlagen und in ihn einzutauchen. Randnotizen zu machen, zu
exzerpieren, ein Exemplar einzustecken, auf einen Berghang
hinauszugehen, sich hinzusetzen, laut daraus vorzulesen und die
wichtigen Worte zu unterstreichen.« Wenige Seiten später
heißt es dann aber: »Es besteht eine tiefe Verwandtschaft
zwischen dem guten Schüler, dem Lehrer, dem Philologen und dem
Antiquar, zwischen allen Buchmenschen also und dem Teufel. (...) Die
Philologeneigenschaft ist das Festhalten an Worten, tendenziös
und aus Lebensneid. Er versteckt sich vor dem Leben. Wo? In den
Buchstaben. Jeder Mensch, sei er Lehrer, Schüler, Richter,
Anwalt, Wissenschaftler, Arzt oder Priester, ist diabolisch, wenn er
sich an Buchstaben, Paragraphen, das geschriebene Wort, das Buch
klammert, wenn er das Wort über das lebendige Leben stellt.
(...) Der Büchermensch will mit dem Buchstaben das Leben regeln.
Regeln ist jedoch nur ein anderer Ausdruck für: Herrschaft. Und
Herrschaft ist nur ein sanfterer Ausdruck für: Mord. (...) Der
Teufel ist der Erzfeind des Lebens und bringt den Tod, mag man diesen
Tod nennen, wie man will: Licht, Geist, Wissen, Gesetz.
Leidenschaftlich merzt er alles aus, was launenhaft, funkelnd,
unregelmäßig, abwechslungsreich, bunt ist - den Jahrmarkt,
das Theater, die Liebe, den Krieg - und will die Welt mit dem Wort,
dem Buchstaben, dem Paragraphen regieren.«
Solche
Aussagen wären freilich nichts als peinliche, völlig
wertlose »Lebensphilosophie«, wenn sie sich nicht auf das
biographische Element zurückführen ließen: in ihnen
versteckt sich zum einen Selbstironie - Hamvas ist ein sehr
humorvoller Autor -, zum anderen Ressentiment gegen das
»Schriftgelehrtentum« des Kommunismus, unter dem Hamvas
in seinen späteren Jahren zu leiden hatte. Er verlor nämlich
1948 seine Stellung als Bibliothekar, entging Schlimmerem nur durch
einen Umzug aufs Land, und arbeitete, ohne sich davon in seinem
Schaffensdrang lähmen zu lassen, bis 1964 als Hilfsarbeiter in
einem Kraftwerk. Aber noch ein drittes Moment spricht sich in den
scheinbar widersprüchlichen Äußerungen über das
Wesen des Büchermenschen aus: Hamvas´ leidenschaftlicher
Perspektivismus. Nach Ausgang der Philosophie Nietzsches war es im
zwanzigsten Jahrhundert vor allem Walter Benjamin, der ernst zu
machen versuchte mit der Einsicht, daß die überzeitliche
Wahrheit in sich einen Zeitkern trägt; daß sie immer die
Wahrheit einer bestimmten historischen Konstellation ist, der sie
sich allererst zu entwinden hat, ohne einerseits auf diesen Grund
ihrer Erkennbarkeit überhaupt verzichten zu können, ohne
andererseits aber differenzlos in ihm aufzugehen. Zwischen Sachlichem
und Persönlichem kann kein Unterschied bestehen, wenn beide
teilhaben an einer identischen Materie historischer Erkenntnis:
Wahrheit, die angesichts der Möglichkeit des historischen
Abfalls und der subjektiven Verfehlung allererst der
geschichtsphilosophischen Konstruktion bedarf. So gibt Hamvas´
Reflexion auf das Wesen des Bibliothekars das Modell für seine
Theorie der Erkenntnis von Wahrheit überhaupt: niemals das
unmittelbar Vorliegende, das dem erstbesten Zugriff sich Beugende,
bedarf sie der geduldigen »Arbeit des Begriffs«, die
ihrerseits Spiegel ist - Grund und Folge zugleich - einer wirklichen,
wesenhaften, jederzeit und unter allen Umständen möglichen
Verwandlung des Menschen. Wenn sie dem Bibliothekar möglich ist,
dem »dämonischen Philister«, der von Natur aus immer
Besserwisser, Finsterling, Lebensfeind ist, so muß sie auch
jedem anderen Menschen möglich sein, in Analogie zu eben jener
Läuterung, kraft welcher der Bibliothekar sich dem Ideal des
musischen Menschen anzunähern vermag. Diesen hat Robert Burton,
wie Hamvas zitiert, mit einer Grille verglichen. »Die Engländer
haben ein Verb, Burton gebraucht es in der ersten Zeile seines
Gedichtes am Anfang des Werkes. ›I am musing‹. Ein
unübersetzbares Wort. Es bedeutet, dass ich mich in einem
Zustand der Muße befinde und nichts tue, außer mich an
meiner Umgebung zu ergötzen und kontemplativ in die Welt zu
schauen, während mein Leben zu einem Lied oder einem Gedicht
wird. Ein solches musing
-Wesen ist der Bibliothekar, der wie eine Grille, in behäbig
staunender, stiller, einsam heiterer Wunschlosigkeit lebt, im Zustand
der Muße, aber nicht als Dichter mit einem Gedicht im Herzen,
sondern als selbst Fleisch gewordenes Gedicht.«
Worauf
es ankommt, einzig ankommt, ist also, in der Teilhabe zu stehen.
Innerhalb der konservativ-revolutionären Dynamik eines
politisch-theologischen Diskurses, der, um das Absolute an die
Geschichte zu vermitteln, sowohl aktivistische als auch kontemplative
Lösungen zuläßt, und der in einer noch freizulegenden
Tiefenschicht dem 21. Jahrhundert alle wesentlichen Fragen mitteilt,
nimmt Hamvas in sehr radikaler Weise den kontemplativen Pol ein.
Lieber als Wald- und Wiesengänger sich beschimpfen lassen, als
auf die Gewißheiten und die voreiligen Lösungen der
ichverliebten Schwätzer hereinzufallen. Lieber mit Skeptikern
und Nihilisten verwechselt werden, als mit jenen, die nur darauf
warten, in Reih und Glied zu marschieren und das Leben zu jener Hölle
zu machen, die es ohnehin ist. Hamvas, der nicht eigentlich ein
systematischer Denker ist (ohne deshalb den Wert, besser gesagt: die
Realität des
Systematischen zu verkennen), verwendet den Begriff der Teilhabe auf
den wenigen vorliegenden Seiten nicht. Er verwendet aber das Wort,
das wie kein zweites europäisches Wort die den Gegensatz von
Theorie und Praxis schlechthin überwindende Struktur der
Teilhabe impliziert: Logos. Soweit die wenigen bislang auf deutsch
erschienenen Schriften darauf einen Schluß zulassen, ist Logos
das Grundwort des gesamten Denkens von Béla Hamvas. Diese
Voraussetzung teilt er mit einem vergessenen deutschen Philosophen,
den es gleichfalls wiederzuentdecken gilt: Leopold Ziegler. Dessen
Buch »Apollons letzte Epiphanie« enthält wunderbare
Seiten über den Logos, die er zu den wichtigsten seines ganzen
Schaffens gezählt hat. Wie für Hamvas, so erfüllen
sich auch für Ziegler Religion, Politik, Wissenschaft, Kunst,
das Leben selbst in der Gesamtheit seiner Hervorbringungen, in der
Teilhabe am Logos, während sie von sich aus, als »Natur«,
nichts sind.
Hamvas
nennt den Logos auf den vorliegenden Seiten »einen der
intensivsten Orte des ganzen Daseins«, nennt ihn »Logos
Himmel«. Was ist das? Eine schlechte Übersetzung? Eine
mißverständliche Wendung von Hamvas? Fehlt ein
Bindestrich? Oder handelt es sich um eine Aufzählung? Nichts von
dem, nichts fehlt, auch kein Prädikat. Hamvas will nicht sagen:
Der Logos ist der
Himmel, sondern: sein Name Logos Himmel. Der Logos ist nicht
himmlisch, trägt das Himmlische nicht als akzidentielle
Eigenschaft mit sich, sondern einfach: Logos Himmel. Es handelt sich
um einen Nominalsatz nach paulinischem Vorbild. Es ist die Logik des
paulinischen Glaubens, in welcher Hamvas seinen Text verankert, indem
er ihm die Erkenntnisstruktur des Nominalsatzes appliziert. Denn auch
Paulus sagt ja nicht wie Hobbes: Jesus ist
der Christus, sondern: Jesus
Messias, in der unbedingten, die Alternative von Sein und Nichtsein
ausschließenden, mehr-als-seienden Identität schlechthin
des Glaubens und der Liebe. In allen Daseinssphären des Menschen
den Ort aufzusuchen, an dem sie, über ihre erste,
nur-menschliche Natur hinausgehend, teilhaben am
mehr-als-menschlichen Logos, ist die Intention von Hamvas´
gesamtem Denken und Schreiben. In der Kunst - der Daseinssphäre,
mit der sich die vorliegenden beiden Texte beschäftigen - sind
es die Spätwerke der größten, der wesentlichen
Künstler, in denen sich der Logos am reinsten repräsentiert.
Béla
Hamvas begreift das Spätwerk als eine Kategorie sui generis. Der
längere der beiden vorliegenden Texte, nach welchem der kleine
Band zugleich auch benannt ist, entfaltet diesen Grundgedanken in
zwölf kurzen Abschnitten, deren Form die einer freien
poetisch-philosophischen Besinnung ist. Der erste Abschnitt enthält
Hamvas´ Intention vollkommen: »Über Beethovens
letzte Quartette zu sprechen, fällt nicht deswegen schwer, weil
in ihnen die höchste uns bekannte Musik erklingt. Auch diese
Musik ist nicht unübersetzbar. Ihre sprachliche Entsprechung ist
jedoch nur an einigen verborgenen Plätzen der Kunst zu finden.
Es ist die Welt des zweiten Teils von Faust,
von Oedipus auf Kolonos,
von Shakespeares Sturm.
Die Kunst der Fuge,
der alte Tolstoi und Cézanne gehören ebenso hierher wie
der greise Platon, Heraklit und Laotse. / Was unterscheidet die
Quartette von seinen früheren Werken? Das gleiche, was Phaidros
von den Nomoi,
Heinrich IV. vom
Sturm und
Anna Karenina von
der Kreutzersonate
unterscheidet. Das gleiche,
was sie von seinen früheren Werken absprengt und mit den
Alterswerken anderer verschmelzen lässt. Es ist die rätselhafte
Analogie der Spätwerke. In den Alterswerken erzählen
Metaphysik und Malerei, Dichtung, Drama und Musik unabhängig von
Sprache, Epoche, Nation und Zeit von ein und derselben Welt. Hier
liegt die sprachliche Entsprechung der Musik. Über Beethovens
letzte Quartette anhand seiner früheren Werke zu sprechen, ist
so gut wie unmöglich. Aber es ist nicht nur möglich,
sondern geradezu nötig, über sie zu sprechen, wenn man über
die Werke des alten Goethe und Sophokles, des alten Platon und Bachs
redet.«
Es
ist eine schöne Idee, auf essayistische Weise den Ort zu
vergegenwärtigen, an dem die Spätwerke der großen
Künstler und Denker sich versammeln, um im Zeichen des Logos
einander nahe zu sein, »abgesprengt«, wie Hamvas sagt,
von den biographischen Zusammenhängen, auf die sie zumeist
zurückgeführt werden. Die Leben und Werke, denen sie
zugehörig bleiben, sind nicht der zureichende Grund ihres
Verständnisses. Der zweite Abschnitt des Textes beschreibt das
sophokleische Kolonos als die symbolische Vergegenwärtigung
dieses Ortes, dieser Stätte des Spätwerks: »Die
Alterslandschaft ist kein felsiges Hochgebirge. Das gehört den
einsamen Weisen. Und der Alte ist weder einsam noch weise. Der Alte
ist alt. Die Alterslandschaft ist kein Meer. Dieses gehört den
Leidenschaftlichen, den Abenteurern, den Sehnsüchtigen. Kein
Wald, denn der Wald gehört den Asketen, den Mystikern, den
Jägern. Keine Wüste, die Wüste gehört den
Reitern, den Räubern, den Einsiedlern. Die Alterslandschaft ist
ein beinahe leerer Raum, wenig Bäume, ein sich kaum erhebender
Hügel, wenig Schatten und eine schmerzhaft tiefe Weitsicht.
Ärmlich, einfach, glatt, unspektakulär, unmalerisch. Ohne
jede verborgene Wirkung. Ohne jede Theatralik. Aber an diesem leeren,
beinahe öden, kargen und wirkungslosen Ort sind Duft und
Beschaffenheit der Luft ganz anders, und wer hier ankommt, senkt
ungewollt die Stimme. Hier ließe sich kein Haus erbauen, kein
Dorf und schon gar nicht eine Stadt. An diesem Ort könnte keiner
das Leben ertragen. Hier ließe sich nicht schreien und
streiten. Nichts wäre unmöglicher als ein Markt auf
Kolonos. Er ist nicht für die Menschen geschaffen. Ein Ort, der
angesichts der Gegenwart des höchsten Daseins mit gesteigerter
Hitze glüht. Oh, dieser unvergleichliche Ort der Welt! Ohne
jeden Schmuck, ohne jede Süße. Dieser beinahe leere Raum
ist grausam nüchtern und erschütternd einfach. Das ist die
Alterslandschaft in Beethovens Musik aus Kolonos, auf Cézannes
Bildern aus Kolonos, in Laotses Philosophie.«
Was
hier geschehen ist, in dieser Landschaft der Alterswerke, bringt
Hamvas im sechsten Abschnitt seines Textes auf die zentrale Formel
eines »Abschieds von den Zauberkräften«. Diese
Formel enthält in nuce seine gesamte Kunstphilosophie, deren
Systematik dem Text oftmals allzu schwach sich aufprägt,
obgleich sie die Bewegung aller seiner immer neu ansetzenden
Annäherungen konstituiert. Nicht die Bewegung des Denkens und
Schreibens als solche enthüllt bei Hamvas das Wesen seiner
Philosophie, sondern das Gerüst von Grundworten, deren
Bedeutungen in den Text gestreut werden, wie Bäume im Herbst ihr
Laub verstreuen: kaum je über Nacht, es sei denn im Sturm. Erst
diese Langsamkeit macht die Schönheit des Herbstes, wie auch die
Schönheit der Prosa von Béla Hamvas. Die »Melancholie
der Spätwerke« besteht für Hamvas in folgendem: Die
Kunst ist eine der Weisen, wie sich im Dasein des Menschen auf
magische Weise die Verwirklichung des Logos ereignet. In dem Moment
der Erfüllung aber, der Einkörperung des Logos, seiner
vollständigen Hineinnahme in das Dasein, der Verwandlung des
Daseins in das Sein oder Mehr-als-Sein des Logos, endet die Magie und
mit ihr auch die Kunst. Das heißt aber nichts anderes als: das
Ziel der Kunst, ihre letzte und einzige Intention, ist mit
künstlerischen Mitteln nicht mehr darstellbar, überhaupt
nicht aussprechbar, niemals Gegenstand der Kommunikation zwischen
Mensch und Mensch. »Es handelt sich«, sagt Hamvas, »um
die Manifestation einer Wirklichkeit, die unermesslich mächtiger
als die des Menschen ist.«
»Hat
ein Künstler einmal die Gestimmtheit erlangt, die ihm erlaubt,
die wahre Wirklichkeit zu übernehmen, hört seine Arbeit
auf. Nicht jeder Künstler findet sie. Es sind ihrer nur wenige.
Sophokles, Goethe, Beethoven, Tolstoi, Shakespeare, Bach, ein paar
Denker, Platon, Heraklit, Laotse. Sie haben sie am Ende ihres Lebens
erlangt und wissen fortan, was zu tun wäre. Sie wissen es, aber
mit diesem Wissen benötigten sie ein brandneues Leben, um das,
was sie wissen, auch in die Tat umzusetzen.« Hamvas entziffert
die Sprache der Spätwerke als Bewegung eines solchen
sinnerfüllten Aufhörens. Nur so erkläre sich etwa das
»taube Gehüpfe und der matte Gesang der letzten Quartette
Beethovens«. Was dem Werk des Künstlers sich bediente, um
es zum Instrument seiner réalisation
zu machen, zerbricht schließlich dessen Form, dessen ganzes
Sein, läßt übrig nur, was wir an ihm und seinem
Schöpfer als Melancholie wahrnehmen. Die Melancholie ist, so
Hamvas, »der letzte Segen im Leben eines Menschen« - doch
ein furchtbarer Segen, mysterium
fascinans und mysterium
tremendum in einem, wie wir
mit Rudolf Otto sagen könnten, sofern er sich mit nichts
vergleichen, sich nicht mehr aussprechen, sich überhaupt nicht
mehr verständlich machen läßt. Nichts, so läßt
sich zusammenfassen, was Hamvas in verschiedenen Variationen
umschreibt, ist so radikal an der Grenze der menschlichen Erfahrung
und des menschlichen Verstehens angesiedelt wie die Melancholie der
Spätwerke. Denn »was geschieht, wenn man an einen Ort des
Daseins gelangt, an dem vor einem noch nie jemand gewesen ist? Ja,
was geschieht, wenn man Worte hört, die noch nie zuvor jemand
gehört hat, nie zuvor jemand ausgesprochen hat und die gar nicht
aussprechbar sind, wenn er Bilder sieht, die noch nie jemand gesehen
hat und die unmalbar sind, und Visionen und Erlebnisse und Träume
und Erschütterungen hat, die niemand kennt und über die er
vergeblich spricht, schreibt, und die er vergeblich malt, da niemand
weiß, wo sie sich befinden oder ob es sie überhaupt gibt?
Was geschieht, wenn man an einem Ort des Daseins ankommt, den die
Landkarten der Menschen nicht kennen, und dort allein bleibt,
vollkommen ratlos, ohne einen Gefährten, mutterseelenallein?
Dann ziehen sich sogar die Warmherzigen vor ihm zurück und
schöpfen Verdacht und fürchten sich. Sie fürchten sich
so sehr, dass sie nicht einmal den Mut haben zu sagen, der Arme. Und
nicht einmal, dass er verrückt sei. Ins
Unbetretene, nicht zu Betretende. Ins Unverbetene, nicht zu
Erbittende. Was geschieht,
wenn man das nicht zu Betretende betritt?«
Das
ist das eine. Das andere: was nämlich die grundsätzliche
Andersartigkeit dieser Spätwerke und ihrer Schöpfer für
den späteren Interpreten heißt, für den herrischen
Akt seiner Bemächtigungen, die nichts unverstanden lassen
wollen, hat Hamvas sich leider weniger intensiv gefragt. Es ist das
Problem Paul Valérys in dessen früher »Einführung
in die Methode des Leonardo da Vinci«. Und Valéry gehört
sicherlich nicht zu jenen »Literaten«, mit denen Hamvas
verständlicherweise nicht verwechselt werden möchte. »Der
Literat«, sagt er, »ist ein Parasit der echten Sprache.
Darum ist er so unendlich wort-arm, darum muss er sich so reich
geben.« Hamvas nennt den Literaten einen »Pfuscher«.
»Seine Sprache«, heißt es weiter, »ist
saftlos und geschmacklos. Sie hat keine Musik. Sie ist gewalttätig,
gekünstelt, schlau und anmaßend. Die Literatur operiert
nicht mit echten, sondern mit Kunst- und Pseudowörtern. Darum
wirkt sie wie ein Stil, obwohl sie wie jeder Slang und jede
Terminologie eine Abart der Zeichensprache der Taubstummen ist.
Wohingegen der echte Stil eine Liturgie ist.« Sind das nicht
aber leere Versicherungen? Es ist bezeichnend, daß es kaum zwei
Seiten später zu einer Entgleisung kommt, die man nur als eine
im von Hamvas offensichtlich so gehaßten Sinne »literarische«
klassifizieren kann. Zunächst, und das ist freilich legitim,
zieht Hamvas eine Linie vom »Logos-Enthusiasmus« eines
Heraklit und eines Origenes zu dem »Wahnsinn« im Schaffen
etwa eines Cézanne, und bestimmt diesen »Wahnsinn«
als »Wort-Taumel«. Dann aber kommt folgendes: »Die
Anzeichen sind unverkennbar, wenn man vom Wort-Taumel erfasst wird.
Es ist die Werk-Ausschweifung. Der Wahnsinn des leidenschaftlichen
Arbeitsfiebers, schmerzhaft und wunderbar, qualvoll und betörend,
wie Liebe und Krankheit in einem. Übervoll mit quälender
Wonne und düsterer Spannung. Wer auf diese Ausschweifung nicht
verzichten und will, und in wem sich die sündige und bedrohliche
Dämmerung aufhellt, der gelangt in den Logos-Himmel.« Das
ist der Gestus des »Einfühlens«, den Hamvas doch
eigentlich verachten sollte, schlechteste »Künstler-Metaphysik«.
So lesen Zwanzigjährige, die drei melancholische Gedichte
geschrieben haben und sich für begabt halten, William Blake. Und
es kommt noch schlimmer: »Im Wort-Taumel spricht man Mantras,
schafft Sinn und bewältigt Krisen und gelangt in den Besitz des
Geheimnisses, das jeden verborgenen Ort öffnet...« - ich
breche ab.
Solche
peinlichen Stellen sind nicht häufig bei Hamvas, aber es gibt
sie. Und sie verweisen auf ein Problem, welches seinem Denken und
Schreiben, soweit ich sehe, keineswegs äußerlich ist: die
Gefahr einer naturalistischen und im besonderen psychologistischen
Reduktion seines Gegenstands, des »Heiligen«. Nicht
zufällig habe ich vorhin Rudolf Otto genannt, der dieser Gefahr,
wie ich im ersten Kapitel meiner Arbeit »Leopold Ziegler. Eine
Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst und Friedrich
Georg Jünger« zeige, nicht hat entgehen können. Was
Otto das »numinose Gefühl« nennt und allerdings per
definitionem »Gefühl« nur im übertragenen Sinne
heißen soll, bietet, wie häufig bemerkt und kritisiert
worden ist, kein Kriterium der Abgrenzung gegen die übrigen
Empfindungen des psychischen Apparats. Leopold Ziegler, der mit
Hamvas in erstaunlichem Ausmaß Vergleichbare, hat daraus
Konsequenzen gezogen, die seinen vergessenen Werken zweifelsohne noch
das Jetzt ihrer Les- und Erkennbarkeit verschaffen werden. Eine
Religionsphänomenologie, die dieses Problem nicht ausreichend
reflektiert, kann einer künftigen Religionsphilosophie hingegen
keinen Anknüpfungspunkt bieten. Ob es sich mit Hamvas´
»Scientia Sacra« anders verhält, bleibt abzuwarten.
Für die vorliegende Schrift gilt: wenn die Spätwerke der
Ort einer Selbstoffenbarung des Logos sind, wenn ihre Melancholie
einer Tiefe und Plastizität der Wahrnehmung und der Erkenntnis
entspringt, die sich nicht mitteilen können, weil der Ort ihrer
Wahrheit die monadische Verschlossenheit der Idee ist, so genügt
es nicht, beschreibend jene Melancholie abzubilden, die, um ein Wort
Walter Benjamins zu variieren, nur die Totenmaske ihres inneren
Lebens ist. Hamvas´ Essay in seiner unbezweifelbaren Schönheit
könnte sich zu einem ungeschriebenen Traktat verhalten, wie das
Herbstlaub zum Geist der Landschaft, der nur in der aller Stimmung,
allem Erleben sich versagenden reinen Konstruktion sich offenbart.
Wilhelm
Schmidt-Biggemann: Apokalypse und Philologie. Wissensgeschichten und
Weltentwürfe der Frühen Neuzeit, herausgegeben von Anja
Hallacker und Boris Beyer (Berliner Mittelalter- und
Frühneuzeitforschung Band 2), Göttingen 2007. V&R
unipress, 388 Seiten, ISBN 3-89971-313-3, Preis: 49,90 €
»Konstruktion
der Gegenwart« - so hat Walter Benjamin die Arbeit des
Historikers bestimmt. Darüber ist viel geschrieben worden. Doch
die dieser Forderung zugrunde liegende Einsicht, daß der
herkömmliche Anspruch des Historikers auf objektive Erkenntnis
dessen, was gewesen ist, mit der Annahme einer zeitlosen
Erkenntnissubstanz einhergeht, die der Historizität der zu
erforschenden Gegenstände widerspricht, bedarf weiterer Klärung.
Diese Einsicht, auf zureichenden Grund gestellt, dürfte nämlich
den theoretischen Punkt markieren, an dem sich ein für allemal
die Unhintergehbarkeit dessen erweist, was, einer verbreiteten Sage
nach, als »spekulative« Geschichtsphilosophie längst
schon der Vergangenheit hatte angehören sollen, hätte
angehören müssen. In diesem Sollen, in diesem Müssen
sind Vorurteile wirksam, die ängstlich darauf bedacht sind,
weltanschauliche Motivationen zu verbergen, deren Kern überhaupt
kein spezifischer Inhalt ist, sondern die Angst vor der Kraft des
zuende gedachten Gedankens. Bei der Paradoxie, daß der
Historiker, der seine Arbeit ernst nimmt, mit der historischen
Gewordenheit seiner eigenen Methode und Intention sich konfrontiert
sehen muß, hört das Denken nicht auf, sondern fängt
erst an. Es hat die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß
das Wesen historischer Erkenntnis sich am reinsten nicht dort
ausspricht, wo ihre Genese abgeschlossen scheint, sondern gerade an
ihrem Ursprung, den spätere Stadien je eher verdeckten als
wahrten.
An
diesem zu befragenden Ursprung sind Wilhelm Schmidt-Biggemanns
Forschungen zur frühen Neuzeit angesiedelt. Der vorliegende Band
ist eine Sammlung von Aufsätzen, die in den letzten fünfzehn
Jahren zu verschiedenen Gelegenheiten verfaßt und an
verschiedenen Stellen publiziert worden sind. Die Texte bewegen sich
thematisch in dem Rahmen, den Schmidt-Biggemann mit seinen beiden
wohl wichtigsten Arbeiten eröffnet hat: »Topica
Universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer und barocker
Wissenschaft« (1983) und »Philosophia perennis.
Historische Umrisse abendländischer Spiritualität in
Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit« (1998). Daß
das neue Buch indes mehr ist als eine bloße Sammlung
ergänzender Studien; daß man es nach aufmerksamer Lektüre
vielleicht sogar als drittes Hauptwerk wird bezeichnen dürfen,
liegt zum einen daran, daß Schmidt-Biggemann die bereits
publizierten Aufsätze durch einige neue, eigens für dieses
Buch verfaßte Texte ergänzt hat, welche einen
theoretischen Horizont kenntlich machen, der sich mit Benjamin eben
als »Konstruktion der Gegenwart« begreifen läßt.
Es liegt zum anderen daran, daß dieser theoretische Horizont
auch den einzelnen Studien so tief eingeschrieben ist, daß sie
selber bereits ihn hervortreten lassen in den gegenseitig sich
erhellenden Konstellationen eines Zeitalters, in welchem sich die
noch heute gültigen Modi des Erkennens von Welt und Wirklichkeit
formierten. Noch die entlegenste, abstruseste, unserer Gegenwart
scheinbar fremdeste Theorie vergangener Jahrhunderte wird durch den -
freilich methodisch abzusichernden - Zugriff des Betrachters zu einer
Möglichkeit der Begegnung mit dem Urbild unserer selbst: dem
möglichen Sinn der Bedeutungen, die wir je unserem Leben
aufprägen. Was oberflächlich betrachtet nur als eine
Vertiefung der früheren Arbeiten über Topik und Philosophia
perennis erscheint, wird durch die Reflexion auf den Charakter von
Historie und Wissenschaft selbst auf eine völlig neue Grundlage
gestellt. Der Gegenstand der Betrachtung wird zugleich der Rahmen, in
dem die Betrachtung sich selber Gegenstand und Frage werden kann.
Schon
Titel und Untertitel des Buches enthalten die zugrunde liegende
Theorie. Daß Welt entworfen, und daß Wissen erzählt
wird, gehört mit zu der Lehre, die die Betrachtung der frühen
Neuzeit ihrem Gegenstand entnehmen, und an der sie allererst gültige
Erkenntnis werden kann. Der Zusammenhang von Apokalypse und
Philologie bezeichnet dabei den als heilsgeschichtlich zu
identifizierenden Rahmen dieser Einsicht, den wiederzugewinnen, wie
die kurze Einleitung »Über Wissensgeschichten«
darstellt, freilich eine Notwendigkeit nicht zunächst
theologischer, sondern wissenschaftlicher Natur ist. »Der
Ausschluss der Theologie aus dem positivistischen Wissensdiskurs war
selbst ein Resultat des Prozesses, der in den vorliegenden Studien
dargestellt wird. Der Anspruch der philosophischen Theologie, den
Rahmen einer Philosophia perennis bereitzustellen und damit
die Unveränderlichkeit ewiger Ideen zu garantieren, war im
Prozess der Historisierung aller Wort-Wissenschaften zerbrochen.
Durch dieses Scheitern verlor die Theologie ihren
Wissenschaftsstatus. Schließlich waren die Ansprüche der
Theologie, eine unveränderliche, eben ewig gültige
Offenbarung zu verwalten, dadurch diskreditiert, dass sich der ewig
gültige Anspruch als historisch kontingent erwiesen hatte. Diese
Diskreditierung der Theologie wirkte auf die Wissenschafts- und
Philosophiegeschichte dergestalt zurück, dass die Theologie auch
als historisches Wissensphänomen nicht mehr ernst genommen
wurde. So geriet die Wissensstruktur der Frühen Neuzeit, in der
die Theologie eine entscheidende Rolle spielte, aus dem Blick - zum
Schaden der Wissenschaftsgeschichte. Diese Fehlinterpretation soll
mit den vorliegenden Studien korrigiert werden.« (S.19)
Diesem
Programm folgend, thematisieren die vier Aufsätze des ersten
Teils der vorliegenden Sammlung die Entstehung der Philologie als
eigenständige Wissenschaftsdisziplin aus den innertheologischen
Konstellationen des Konfessionenstreits im 16. Jahrhundert. Der erste
Aufsatz, »Protestantische Exegese im Streit«, beschäftigt
sich mit der Auseinandersetzung um das »Württembergische
Bekenntnis« von 1552, mit dem der protestantische Theologe
Johannes Brenz (1499-1570) als offizieller württembergischer
Abgeordneter zum Konzil von Trient gereist war. Schmidt-Biggemann
nennt drei Grundthesen, mit denen sich die protestantische Theologie
des 16. Jahrhunderts der katholischen Tradition gegenüber zu
behaupten suchte: »1. Die Schrift ist Predigt des Heiligen
Geistes. 2. Die Schrift ist deshalb Norm für allen Glauben und
allen Gottesdienst. 3. Diese Aussage bedeutet auch, dass die Bibel
als zureichende Norm gesehen und dass die Tradition insgesamt nicht
als Norm neben der Bibel akzeptiert wird.« (S.26) Der
Philologie mußte im Rahmen dieses Programms die zentrale
Aufgabe zufallen, kritisch jenen einwandfreien Text herzustellen, der
fortan als »Predigt des Heiligen Geistes« gelten sollte.
Der Versuch, unmittelbar den Sinn der Schrift ergründen zu
können und ihn zur alleinigen dogmatischen Grundlage des
Glaubens zu machen, führte zu einer Freisetzung des
spiritualistischen Elements, welchem gegenüber der
Protestantismus keine Abwehrkräfte zu etablieren vermochte.
Allen Bemühungen um eine neue, in der Dialektik von sola fide
und sola scriptura gründende Orthodoxie zum Trotz,
blieb die »entscheidende Frage, ob eine spiritualistische
›wilde‹ Exegese mit den Argumenten der Confessio Virtembergica
ausgeschlossen werden konnte« (S.37), im Raum des
Protestantismus unbeantwortet. In der Gewalt gegen vermeintliche
Ketzer entlud sich nur das Bewußtsein des eigenen Scheiterns.
So konnte, wie der zweite der Aufsätze des ersten Teils
darstellt, der katholische Theologe Bellarmin (1542-1621) mit einigem
Recht den Protestantismus insgesamt als spiritualistisch
diskreditieren, ohne, wie der dritte und der vierte Aufsatz
darstellen, einen Prozeß aufhalten zu können, der auch im
Katholizismus zur Ausbildung eines geschärften philologischen
Bewußtseins führte - mit der Folge einer Destruktion
traditionaler Elemente, die vor allem traf, was als »Platonismus«
identifiziert worden war. »Mit der Trennung von Theologie und
Philosophie wird der Anspruch der Theologie schlechthin positiv.
Damit sind Theologie und Dogmatik vom philosophischen
Vernunftanspruch getrennt; die Dogmatik bekommt ihre eigene,
regionale Logik. Das hat für die Institution Kirche zur Folge,
dass sie [sich] selbst durch die Rechtsansprüche, die aus der
Positivität des Glaubens abgeleitet werden, stabilisieren muss,
nicht durch philosophische Vernunft. Die Kirche wird damit zur
Instanz, die nicht mehr durch Vernunft gerechtfertigt ist, sondern
nur noch durch ihre eigene historische Positivität.«
(S.129)
Beschreibt
der erste Teil die Geburt der Philologie aus den Konstellationen des
Konfessionenstreits, so ist das innere Thema des zweiten Teils,
überschrieben »Politische Theologie im Zeitalter der
Apokalyptik«, die Auswirkung der Philologie auf die
traditionalen Gehalte von Topik und Philosophia perennis, die im
dritten Teil je gesondert behandelt werden. Was ist überhaupt
Topik? Als historische Wissenschaft untersucht sie die Positivität
der menschlichen Redensarten, Bedeutsamkeiten und Geltungen. Sie
»gilt als eine rhetorisch-philosophische Argumentationslehre,
die zwischen rhetorischer Überredung und philosophischer
Überzeugung oszilliert« (S.229). »Wissen wird als
historisch gegeben vorausgesetzt und in einer zweckmäßigen
Ordnung präsentiert. Als Gedächtniswissenschaft ist Topik
mit der Frage, worin denn die Ordnung bestehe, deren sie sich
bediene, überfragt.« (S.237) »Die Aufgabe einer
wissenschaftlich-disziplinären Topik besteht in der
Identifizierung und argumentativen Verwendung der Leitbegriffe, die
Disziplinen konstituieren.« (S.233) Indem in diesen Horizont
die Fülle des menschlichen Wissens sich einschreibt, wird Topik
tendenziell enzyklopädisch. Das geschah in der frühen
Neuzeit innerhalb des theologisch-heilsgeschichtlichen Rahmens der
Philosophia perennis, des geoffenbarten, zeitlosen Urwissens.
Petrus Ramus »hatte in seiner Lehre den enzyklopädischen
Umgang mit dem überlieferten philosophischen und theologischen
Stoff praktiziert und in seiner höchst einflussreichen Dialektik
die Homogenität des Lehrstoffs und die lückenlose Deduktion
der Lehrinhalte aus übergreifenden Prinzipien als ›Methode‹
beschrieben.« (S.143) Doch »über den
Wahrheitsanspruch dessen, was da geordnet wurde, konnte keine andere
Aussage gemacht werden als die, dass ein Topos nun einmal historisch
oder natürlich vorliege.« (S.144)
Aus
dieser Lage ergibt sich eine Position, die am konsequentesten der
calvinistische Gelehrte Johann Heinrich Alsted (1588-1638) entwickelt
hat, mit dessen Leben und Werk sich der erste Aufsatz des zweiten
Teils, »Apokalyptische Universalwissenschaft«,
beschäftigt. Schmidt-Biggemann faßt Alsteds Position
wiefolgt zusammen: »1. Die Schöpfung war in ihrer Struktur
und im Plan ihrer Historie vollkommen.« Das ist der
traditionelle Standpunkt der Philosophia perennis. »2.
Diese vollkommene Schöpfung konnte vom Menschen aufgrund seiner
Sündenschäden nicht vollkommen in ihren Gründen,
sondern nur in ihrer Faktizität erkannt werden. Die Schöpfung
barg deshalb in ihrer natürlichen und historischen Dimension
Geheimnisse - es musste mit einem unerklärten Raum zwischen den
Grenzen der exakten Erkenntnisfähigkeit des Menschen und dem
Sinn, den Gott in die Schöpfung gelegt hatte, argumentiert
werden. Das war der Raum, den die Alchemie und die Konzepte der Magia
naturalis ebenso benutzten wie die biblische Prognostik und der
Millenarismus. Denn was für die Schöpfung galt, galt a
fortiori für die biblisch-historische Offenbarung: Der Raum
der biblischen Geheimnisse barg - über die Offenbarungen Christi
in seiner Zeit hinaus - den zukünftigen Sinn der Weltgeschichte,
das verheißene Endgericht, das die Weltgeschichte an der
Gerechtigkeit maß. Hier lag der Bereich, in dem die
Argumentation mit Geheimnissen den Chiliasmus legitim machte.«
(S.148)
Diese
theoretisch zentralen Sätze markieren einen höchst
interessanten Perspektivenwechsel: hatte Schmidt-Biggemann im ersten
Teil des Buches noch gezeigt, wie der katholische Standpunkt der
Tradition der Freisetzung spiritualistischer Elemente gegenüber
gewappneter war als das vergebliche Bemühen der Protestanten um
Orthodoxie, so zeigt der zweite Teil ein objektives Moment des
Spiritualismus selbst auf. Wenn die Herausgeber des Bandes im Vorwort
anmerken, daß es sich bei den Theorien, mit denen sich der
zweite Teil beschäftigt, »keineswegs um esoterische
Spinnereien« handelt (S.14), so deshalb, weil die im 16.
Jahrhundert um sich greifende Apokalyptik ihren Ort an der Grenze des
Rationalen selbst hat und diesem somit dialektisch zugehört.
Diese noch immer gefährliche und doch unabweisbare Einsicht, die
der Aufsatz über Johann Heinrich Alsted entwickelt, bietet das
methodische Grundgerüst auch der folgenden beiden Aufsätze
»Politische Apokalyptik: Comenius´ Prophetiensammlung Lux
in Tenebris« und »Erlösung durch Philologie: der
poetische Messianismus Quirinius Kuhlmanns«.
Zwar
löste sich die apokalyptische Spannung mit Ausgang des
Dreißigjährigen Krieges und angesichts der
absolutistischen Bestimmung des Staates im Barock wieder; doch die
Freisetzung von Spiritualismus, Irrationalismus und Apokalyptik
birgt, wie Schmidt-Biggemann behutsam andeutet, einen objektiven
Bewußtseinskern, der immer neu - und bis auf den heutigen Tag -
sich geltend macht. Dem widerspricht nur scheinbar der Prozeß
der Verwissenschaftlichung und der Historisierung, den der dritte
Teil »Wissensordnungen im Umbruch« nachzeichnet. Die
ersten beiden Aufsätze dieses Teils, »Topik als Methode
historischer Wissensordnungen« und »Enzyklopädie und
Philosophia perennis«, umreißen die traditionellen
Konzepte der Topik und der Philosophia perennis, in deren Rahmen
sich, wie der dritte Aufsatz »Welche Natur wird nachgeahmt?«
beschreibt, jener neuzeitliche Begriff von »Natur«
verfestigen konnte, dessen Eindeutigkeit als Produkt eines eher
kontingenten historischen Prozesses kenntlich wird. Innerhalb dieses
Prozesses nimmt Leibniz eine höchst merkwürdige Position
ein, mit welcher der vierte Aufsatz »Der letzte Vertreter der
Philosophia perennis« sich beschäftigt. Daß
nicht eigentlich »Verwissenschaftlichung« des Wissens es
war, was den traditionellen Raum der Philosophia perenniszum
Zerspringen brachte, sondern Historisierung - also Verzeitlichung -
ist Thema des fünften und sechsten Aufsatzes des dritten Teils:
»Heilsgeschichtliche Inventionen: Annius von Viterbos Berosus
und die historische Genealogie« und »Von der heiligen
Weisheit zur archaischen Wildheit. Vico und die
Renaissancephilosophie«. Giambattista Vicos (1668-1744) Scienza
Nuova, »der entscheidende Schritt zur Auflösung der
Philosophia perennis und zur Säkularisierung der Geschichte«
(S.356), hat den Raum gestiftet, in dem geschichtsphilosophisches
Denken noch heute zu verankern ist. Den nie zur vollen Entfaltung
gebrachten Implikationen dieses Raums nachzuspüren, ist das
Anliegen des »Nachspiels« des vorliegenden Bandes:
»Ereignis, Zeit, Erzählung. Eine geschichtsphilosophische
Betrachtung«. Wenn Schmidt-Biggemann abschließend
vermutet, es gebe »keinen Begriff von radikaler
Geschichtlichkeit der Welt ohne theologische Begrifflichkeit«,
so konstruiert er damit einen Begriff von Gegenwart, in den sich
durch alle Brüche hindurch der gesamte Gehalt einer Tradition
einschreibt, die sich jedem unmittelbaren Zugriff versagt.